Musik, die den Nerv der Zeit trifft
Der Dirigent Andris Nelsons ist zu Gast beim BRSO. Das Programm bietet diesmal eine Mischung aus gesellschaftlichen Denkanstößen und musikalischer Tradition - von Ravel, über Strauss bis Carlos Simon.
Foto: Der Dirigent und frühere Trompeter Andris Nelsons (rechts) mit dem Trompeter Hakan Hardenberger im Herkulessaal. © BR/Astrid Ackermann
BR-KLASSIK: Andris Nelsons, wir hören ein spannendes Konzert mit vier sehr unterschiedlichen Werken. Am Beginn Carlos Simons „Four Black American Dances“. Was hat Sie dazu veranlasst, das Konzert mit diesem Werk zu eröffnen?
Andris Nelsons: Ich denke, dass dieses Konzertprogramm ganz allgemein durch Tänze gekennzeichnet ist. „Till Eulenspiegel“ von Strauss ist nicht wirklich ein Tanz – aber es gibt auch hier tänzerische Elemente. Ich wollte nicht notwendigerweise ein tänzerisches Programm gestalten, aber irgendwie kam es so zusammen mit „La Valse“ von Ravel, so dass es quasi zum Thema wurde.
Ironie und Humor in Strauss‘ „Till Eulenspiegel“
Und natürlich steht „La Valse“ im Kontext mit der Welt, in der wir gerade leben, wenn man die sarkastischen Kommentare über die Wiener Gesellschaft in dem Stück betrachtet. Diesen Sarkasmus sehen wir auch in unserem Leben gegenwärtig. Und das dann verbunden mit „Till Eulenspiegel“, der eine weitere sarkastische und ironische und sehr dramatische Figur ist. Das ist kein simpler Humor, den man hier bei Strauss spürt, es ist ein grotesker, tiefer und gefährlicher Humor. Und das Stück von Carlos Simon haben wir in Boston vor einigen Jahren in Auftrag gegeben (Anm. d. Red.: Andris Nelsons ist seit 2014 Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra). Hier gibt es auf der einen Seite diese Tanzeinflüsse, die von Simons Background als Afroamerikaner kommen und dann seine Vision über amerikanische Musik.
All das kam zusammen. Wir präsentieren ja regelmäßig zeitgenössische Musik in Boston. Und Carlos Simon war bei uns Composer in Residence. Also wollte ich auch etwas von dieser Welt hierher bringen. Wir haben also amerikanische zeitgenössische Musik, die einen Link zu Ravel bietet durch den Walzer, dazu kam mir „Till Eulenspiegel“ in den Sinn und dann natürlich das geniale Werk von Zimmermann, sein Trompetenkonzert. Es ist so tief-dramatisch und auch tragisch. Und dafür haben wir den König der Trompete – Håkan Hardenberger – wenn ich das so sagen darf.
Andris Nelsons und das BRSO – live im Videostream
BR-KLASSIK: Sie können das natürlich sagen, Sie waren ja selbst Trompeter.
Andris Nelsons: Ja, mein erster Beruf war Trompeter und natürlich habe ich eine besondere Beziehung zu den Blechbläsern. Und Håkan Hardenberger war einer meiner Heroes als ich Student war. Ich erinnere mich, wie ich seine Aufnahmen gehört habe. Ich habe davon geträumt, bei ihm zu studieren. Ich habe jetzt die Trompete vor ein paar Jahren wieder hervorgeholt, aber es ist natürlich sehr schwer, weil ich sie für viele Jahre weggelegt hatte. Aber ich habe wegen ihm wieder angefangen zu üben. Also es gibt in diesem Programm verschiedene Aspekte, die für mein Leben wichtig waren, die sich aber auch verändert haben.
Und wenn man an Ravels „La Valse“ denkt, dann denkt man zunächst vielleicht an etwas Schönes, Royales. Aber wenn man genauer hinsieht, sieht man eine sehr dunkle Ironie. Und in „Till Eulenspiegel“ haben wir diesen dramatischen und auch dunklen Humor. Und wenn wir das in den Kontext mit unserem Leben heute stellen, bekommt das nochmal eine eigene Bedeutung. Natürlich empfinden wir die Musik immer durch uns, durch das, was in unserem Geist und unseren Herzen ist.
Aber in diesen Tagen, in dieser turbulenten Welt, in der wir gerade leben, von der wir nicht dachten, dass sie jemals so sein würde, dass sie je eine so tragische Wendung bekommen würde, hört man diese Musik neu und entdeckt plötzlich viel mehr Tiefe darin, als man ursprünglich wahrgenommen hat. Wir dachten, wir kennen diese Musik gut, wir haben sie in ein schönes Regal gestellt. Und jetzt nehmen wir sie heraus und entdecken etwas anderes, Außerordentliches, das aber natürlich immer darin war. Das trifft natürlich auch auf andere Stücke zu, die sich in der Wahrnehmung verändern.
Was können wir tun, um Dinge zum Positiven hin zu verändern?
BR-KLASSIK: Ja, durch die Veränderungen in der Welt verändert sich auch unser Blick auf diese Werke und wir entdecken Aspekte, die vielleicht vor fünf oder zehn Jahren noch nicht so relevant waren, wie etwa die Schrecknisse des Ersten Weltkriegs in „La Valse“.
Andris Nelsons: Absolut. Allein der Beginn drückt eine große Gefahr aus – wir haben das gestern geprobt. Das ist so dramatisch und drückt eine Furcht aus. Man fürchtet sich vor etwas, das in der Welt passieren wird. Etwas stimmt nicht so recht, man merkt das vom ersten Takt an. Ich bekomme eine Gänsehaut, nur wenn ich davon erzähle … Man nähert sich einem Kollaps, etwas kollabiert, ist es die Gesellschaft oder die Welt? Am Ende von „La Valse“ spürt man das. Wir können nicht so weitermachen, es wird kollabieren. Wir müssen etwas unternehmen.
Das Werk vermittelt uns: Vorsicht! Und wir möchten das Publikum ansprechen: Was können wir tun, um Dinge zum Positiven hin zu verändern? Und leider müssen wir, um etwas zu verbessern, manchmal negative Erfahrungen machen. Bis wir zurückschauen und sagen: Oh Gott, was haben wir alles falsch gemacht? Für mich als Christen im Kontext von Sterblichkeit und Unendlichkeit und der Frage nach dem Sinn des Lebens fühle ich, dass wir etwas tun sollten. Und diese Spiritualität kommt durch den Sarkasmus in dem Werk durch. Wir brauchen eine universelle Kraft, um aus dem Dilemma auszubrechen, eine Hilfe, ob es nun Gott oder Buddha ist, ganz gleich.
Eine Hommage an die Musik des Schwarzen Amerikas
BR-KLASSIK: Insofern ist dieses Konzert ja wirklich auch ein politisches oder gesellschaftspolitisches Statement. Alle vier Werke sind im Grunde Programmmusik, sie haben alle ein gewisses Programm mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung, aber auch vielen Verbindungen, wie Sie schon sagten. Gleichzeitig ist das erste Werk, also die Tänze von Simon, ein sehr positives Werk, es ist ja eine Hommage an die Musik der Schwarzen in Amerika.
Andris Nelsons: Ja, das ist es. Und wenn wir schauen, was es an Schrecklichem gab, die Sklaverei, Morde. Aber wir überwinden das. Und was am Ende zählt ist Mitmenschlichkeit, Gleichheit – egal in welchem Teil der Welt. Und da gibt es einen bestimmen Positivismus in dem Sinn, dass wir trotz der schlimmen Erfahrungen der Geschichte und auch in der Gegenwart sagen, es gibt die Möglichkeit des Positiven am Ende – das müssen wir sehen. Und die „Four American Dances“ vermitteln dieses positive Gefühl, dieser Stepdance oder auch der Walzer im zweiten Satz.
Andris Nelsons und das BRSO – live auf BR-KLASSIK
Live aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz: Andris Nelsons dirigiert das BRSO, zu Gast: der Startrompeter Håkan Hardenberger am Freitag, 5. Dezember 2025 ab 20:03 Uhr auf BR-KLASSIK.
Außerdem gibt es das Konzert am 7. Dezember um 11:00 Uhr in der Isarphilharmonie zu erleben.
Ich erinnere mich als wir das in Boston aufführten. Es war so schön, den Komponisten bei den Proben dabei zu haben. Das ist eine wunderbare Verbindung über Generationen hinweg zu dem Gefühl zu kommen, dass man das überwinden kann, was so falsch im Leben läuft. Am Ende gibt es eine Hoffnung auf einen Ausweg. Deshalb ist es auch kein depressives Programm. Und es erinnert uns daran, dass wir auch an solche spirituellen Dinge denken sollten.
BR-KLASSIK: Sie haben das Stück von Carlos Simon in Auftrag gegeben und uraufgeführt in Boston. Mich würde noch interessieren: Wie war die Reaktion im Publikum auf dieses sehr amerikanische Werk, das auch die Geschichte der Schwarzen in den USA thematisiert?
Andris Nelsons: Das Publikum hat es sehr gut aufgenommen. Auch weil der Komponist anwesend war und das vermittelt immer eine ganz besondere Atmosphäre, wenn der Komponist, der diese Emotionen ausdrückt, anwesend ist. Das ist besonders wertvoll. Natürlich hängt es auch mit dem Publikum zusammen, das man eben vor sich hat. In Boston gibt es ein sehr intellektuelles Publikum, eines der intellektuellsten in Amerika. Und das Publikum bringt den Künstlern, den Komponisten, die es kennenlernen, immer eine besondere Verantwortung entgegen – in einer schönen Weise. Und als Musiker haben wir die Mission, unser Bestes zu geben. Denn in der Geschichte gab es eine Menge negativer Erfahrungen von Komponisten mit Uraufführungen, ob das Beethoven, Bruckner oder Mahler war.
Historische und kulturelle Verbindungen zwischen Leipzig und Boston
BR-KLASSIK: Sie vollziehen nun schon seit einigen Jahren den Spagat zwischen zwei Chefpositionen beim Leipziger Gewandhausorchester und beim Boston Symphony Orchestra. Nicht nur geografisch eine Herausforderung. Was reizt Sie an dieser doch sehr fordernden Doppelaufgabe?
Andris Nelsons: Ich kann nur sagen, dass es ein Traum ist, diese Erfahrung zu machen und diese Möglichkeit zu haben. Davon kann man eigentlich nur träumen. Und es wirkt immer noch fast unwirklich auf mich. Die Erfahrung, Teil einer Kontinuität, einer großen Tradition zu sein auf zwei verschiedenen Kontinenten mit zwei der ältesten Orchester der Welt, das ist einfach unglaublich. Und als wir diese Partnerschaften geschlossen haben, ging es nicht nur darum, zwei Chefpositionen zu bekleiden, sondern es hatte auch damit zu tun, die Verbindungen zwischen diesen beiden Orchestern zu erkennen, die es auf so vielen Gebieten gab und gibt. Beide Orchester begannen mit Arthur Nikisch, der Musikdirektor in Leipzig und in Boston war. Und die Boston Symphony Hall, die eine der besten Konzertsäle ist, ist praktisch eine Kopie des zweiten Gewandhaussaals, der im Krieg zerstört wurde.
Viele Musiker aus Leipzig sind früher nach Boston gegangen, weil sie emigrieren mussten. In Leipzig wurden so viele wichtige Werke uraufgeführt, wenn wir nur an Mendelssohn denken. Und es gibt auch viele bedeutende Werke, die für Boston komponiert wurden: Strawinskys „Psalmensinfonie“, Bartoks „Konzert für Orchester“. Es ist so großartig, diese Partnerschaft mit diesen Parallelen und Verbindungen zu haben. Für mich ist es wunderbar, die Unterschiede, aber eben auch die Gemeinsamkeiten zu haben und zu spüren, wie sehr die Musik uns verbindet. Wir haben auch ein Austauschprogramm für die Musiker beider Orchester, so dass jeweils zwei für eine bestimmte Zeit in dem anderen Orchester spielen können. Es gibt also sowohl praktische als auch emotionale Verbindungen.